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Bombardement der Sinne
Ein Puzzle der musikalischen Unruh: Olga Neuwirths ". . . ce qui arrive . . ." wurde beim "musikprotokoll" in der Grazer List-Halle uraufgeführt.


Existenzielle Probleme wolle sie auf die Bühne bringen, betont Olga Neuwirth stets. In ". . . ce qui arrive . . ." sind es zum einen Zufälle im Leben, die ins Irgendwo führen, zum anderen Fragen nach Selbst- und Fremdbestimmung eines Künstlers.

Abgelehnt. Letzteres, das "masochistische Warten auf den Befehl von oben", hat die steirische Komponistin zwei Jahre gekostet: Nach Absage von Peter Ruzicka lehnten es nun auch Ioan Holender für die Staatsoper und Gérard Mortier für die Opéra de Paris wegen des "schlechten Librettos" (Elfriede Jelinek über den Mordanstifter und Kinderschänder Franz Wurst) definitiv ab, Neuwirths geplante Mozart-Paraphrase "Der Fall W." zu produzieren.

Nur passend also, wenn Georgette Dee in dem von Dominique Gonzalez-Foerster gedrehten Video zu ". . . ce qui arrive . . ." singt: "Each day is a struggle". Neuwirth hat der Diseuse für ihr einstündiges Werk drei Songs à la Weill auf den Leib geschneidert, die ihre strengen Klangsplitter, live famos interpretiert vom "Ensemble Modern" unter Franck Ollu, kontrapunktieren.

Traumwandlerin. Ganz in Weiß gekleidet werden die 16 Frankfurter Musiker von Bühnen-Lichtstelen beschienen, deren Farben mit den irrlichternden Bildern am Strand von Venedig teils korrespondieren, teils divergieren und so quasi verschmelzen. Georgette Dee erzählt darin keinen Plot, ist nur Traumwandlerin an einem "Un-Ort".

Kein Kino also. Und auch kein Hörspiel, wenn Paul Auster per Einspielung, wie ein Basso continuo um Neuwirths "Lieblingston d" kreisend, aus "Red Notebook" und "From Hand To Mouth" liest. Die Texte des US-Starautors dienen der 36-Jährigen als Folie für ihre Näherung an "das, was passiert" (Werktitel auf Deutsch). Wobei die Intensität der Türmung von Bild, Sprache und Musik zugleich das Problem ist: Das Bombardement der Sinne überfordert und Austers Überlebenskampf- und Zufallsgeschichten sind (so überhaupt gewollt) akustisch kaum zu verfolgen.

Neuwirths Orchesterflirren samt Obertönen, die freejazzigen Schreie, die schalmeienhaften Saxophonlinien und der hollywoodeske Ton zwischendurch ergeben ein spannendes Puzzle, dem man mitunter weniger Drosselung wünschte. Die 36-Jährige bleibt aber eine musikalische Unruh, die es irritierend ticken lässt im Klang der Zeit.

Michael Tschida

erschienen in:
Kleine Zeitung, 23. 10. 2004